“Es geht um mehr als ein kurzes ‘Wow!’”

Designed for Wellbeing: 10 Fragen an Matthias Laschke, der unseren Alltag mithilfe von Technologien lebenswerter machen will. Wie, das zeigt er auf dem Future Day 2016.

 

1. Welcher Trend wird die Zukunft viel stärker prägen, als wir denken?

Was ich beobachte, ist ein zunehmender Wandel von einer Konsum- hin zu einer Erlebnisgesellschaft. Gerhard Schulze, Joseph Pine und James H. Gilmore beschrieben diesen Wandel schon vor langer Zeit, und der Postmaterialismus lässt sich in Zeiten von Spotify, rückläufigen Plattenverkäufen und ansteigenden Konzertbesuchen kaum leugnen. Gestalterisch ergeben sich aber viele neue Fragen. Produkte und gestaltete Objekte werden weiterhin eine Rolle spielen. Betrachtet man seinen Alltag und mit wie vielen Objekten man alltägliche Praktiken ausübt, wird deutlich, wie wichtig Dinge eigentlich sind und wie stark sie Handlungsweisen prägen, wenn nicht sogar bestimmen. All diesen Praktiken und ihren Bedeutungen für uns als Menschen etwas Positives und einen Beitrag für unser subjektives Wohlbefinden abzugewinnen, wird eine immer größere Rolle spielen. Und hier liegt die Herausforderung für zukünftige Gestalter. Denn subjektives Wohlbefinden gezielt in der Gestaltung von Dingen, Applikationen oder Services zu adressieren, ist nicht unbedingt einfach. Bei Wohlbefinden es geht um mehr als ein kurzes „Wow!“ und viel „Bling Bling“!

2. Was ist Ihrer Meinung nach ein überschätzter Trend?

Der beinahe zwanghafte Drang, Dinge zu automatisieren, ist sicherlich ein Trend, den nicht nur ich in Frage stelle. Grundsätzlich lehne ich dabei Technologie jedoch nicht ab. Ich hinterfrage nur einen Einsatz, bei dem eine Tätigkeit automatisiert wird, bloß weil es technologisch möglich ist. Evgeny Morozov beschreibt diesen Zwang als Solutionismus. Kennt man die sicherlich albern überspitzte Dystopie „Idiocracy“ von Mike Judge, hat man eine – lustige – Vorstellung davon, worauf meine Kritik abzielt. Bei aller Automatisierung und ihren Annehmlichkeiten können und sollten Technologien Menschen auch dabei unterstützen, über ihre Handlungen, deren Folgen und mögliche Alternativen nachzudenken. Und ich meine dabei keine „Nudges“ und keinen libertären Paternalismus, der ein Allgemeinwohl und meine eigenen Interessen und Ziele vorwegnimmt.

Vielmehr sehe ich Technologien als eine vielversprechende Möglichkeit, Menschen beim Erreichen ihrer persönlichen Ziele zu unterstützen. Fitness-Tracker gehen da schon in die richtige Richtung, wagen es aber nicht, den letzten Schritt zu machen und im Alltag von Menschen freudvoll zu intervenieren. Das Wissen über gemachte und noch notwendige Schritte ist nicht genug. Der Bürostuhl, das Sofa und Bett sind weiterhin bequem, und ihr „Angebot“ ist weitaus weniger anstrengend. Hier gilt es, alternative Handlungsweisen aufzuzeigen.

3. Was wird in unserer Gesellschaft in 20 Jahren anders sein?

Mit einer Antwort auf diese Frage würde ich mich gefühlt auf dünnes Eis begeben. Aber ich versuche es mal. Ich hoffe, dass sich der Ansatz der Pleasurable Troublemaker weiter ausbauen lässt und durchsetzen wird und in Zukunft mehr Menschen eher ihre persönlichen Ziele erreichen und ich einen Beitrag zum Wohlbefinden anderer haben werde. Daran arbeite ich zusammen mit Prof. Marc Hassenzahl und wir möchten mit unserer Arbeit aktiv einen Beitrag leisten.

4. In welcher Form beeinflussen Trends Ihre Arbeit?

Trends können widerspiegeln, was sich Menschen wünschen, ihre persönlichen Ziele und wer sie zukünftig sein möchten. Grundsätzlich interessiere ich mich in meiner Forschung und Gestaltung für das Wohlbefinden von Menschen. Dieses möchte ich steigern. Allerdings ist es nicht immer so einfach, wie es klingt. Manchmal wissen wir gar nicht, was gut für uns wäre. Oft wissen wir es, schaffen es aber nicht, entsprechend zu handeln. Es fehlt an Zeit oder Kraft – oder was auch immer noch für Ausreden verfügbar sind. Um glücklich zu werden, müssen wir uns, unsere Einstellung, unser Handeln verändern. Und Dinge können uns dabei helfen. Denn ob vom Gestalter gewollt oder nicht, alle Dinge nehmen Einfluss auf die Lebenswelt ihrer Nutzer. Sie verändern. Unser Ansatz ist, dass man sie so gestalten kann und sollte, dass sie Wohlbefinden ein wenig wahrscheinlicher machen.

5. Wann hat Sie ein Trend zum letzten Mal so richtig überrascht?

Wieder die Automatisierung. Auf dem Weg zu einer Familienfeier habe ich mich beim Rückwärtsfahren aus der Einfahrt so sehr auf das Signal des Parkassistenten verlassen, dass ich mit meinem Auto ein anderes leicht touchiert habe. Es ist kein größerer Schaden entstanden und niemand wurde verletzt. Es war zwar das erste Mal, dass ich einen „Unfall“ hatte, und in dem Moment wurden mir die Schattenseiten der Automatisierung sehr bewusst. Man könnte jetzt auch sagen, dass es an mir lag, und ich einfach unfähig bin und meine fehlenden Fertigkeiten der Grund für den kleinen Zwischenfall waren. Was ich verdeutlichen möchte, ist der Preis, den man für eine umfängliche Automatisierung zahlt: Fertigkeiten gehen unter Umständen verloren, potenzielle Situationen für positive Erlebnisse werden weniger. Man kann sich ja mal die Frage stellen, ob das eigene Auto in die enge Lücke eingeparkt hat, oder ob man es selbst mit den eigenen Fertigkeiten vollbracht hat.

6. Welche Prognose der vergangenen Jahre lag am meisten daneben?

Dass die Automatisierung alles besser macht und der technologische Fortschritt einen Selbstzweck hat, sind sicherlich Prognosen, die nicht ganz zutrafen. Das „Wie“, also die detaillierte Gestaltung, bleibt weiterhin eine spannende Aufgabe.

7. Wer ist Ihr Lieblingsdenker zum Thema Zukunft?

Ich finde die Bücher und Gedanken von Edward Tenner sehr interessant. Auch wenn er eher vergangene und gegenwärtige Technologien betrachtet, finde ich seine Gedanken noch heute aktuell und für die Zukunft relevant. Gerade in der Gestaltung ist meiner Meinung nach die Berücksichtigung des soziokulturellen Einflusses von Dingen und Technologien wichtig. Bisher bleibt dieser Einfluss aber zu gering berücksichtigt.

8. Welche Innovation wünschen Sie sich?

Natürlich eine soziale Innovation. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass sich Technologie deutlich stärker den Emotionen, Bedürfnissen und Wünschen von Menschen widmet. Das Erreichen von persönlichen Zielen, welche die Troublemaker adressieren, ist dabei nur eine Facette. Auch Bedürfnisse wie das Streben nach Verbundenheit zu Menschen, die man mag, nach Kompetenz und Autonomie stellen aus meiner Sicht einen wichtigen Beitrag dar, den Technologie moderieren und adressieren kann.

9. Was treibt Sie zur Verzweiflung?

Meine Verzweiflung hält sich in Grenzen, aber auch ich verzweifle manchmal an meinem inneren Schweinehund. In uns allen steckt glaube ich ein Prokrastinator, der Dinge aufschiebt. Dennoch bin ich auch der Meinung, dass Menschen ihre Ziele erreichen können und sogar häufig mehr erreichen können, als sie sich zutrauen. Nach dem Winter wieder mehr Sport zu treiben oder mehr Zeit mit Freunden zu verbringen sind auch Ziele, die ich selbst mit vielen anderen Menschen teile. Und wie alle anderen habe auch ich dort meine Probleme. Zeit, Motivation, die richtigen Gelegenheiten und zielführende Praktiken fallen auch mir nicht vor die Füße. Aber ich arbeite daran. Ich baue gerade einen neuen Troublemaker, der mich dabei unterstützen soll, weniger meine E-Mails zu checken wenn ich zu Hause bin und nicht mehr arbeite. Wenn er fertig ist, melde ich mich.

10. Was gibt Ihnen Anlass zur Hoffnung?

Einerseits der enorme Erfolg von Produkten wie Fitness-Trackern. Er zeigt, dass persönliche Ziele und Selbstverwirklichung durchaus auch einen Markt haben, auf dem Produkte gefragt sind. Wie bereits erwähnt ist hier noch viel Potenzial. Andererseits habe ich auch die Hoffnung, dass meine eigene Arbeit mit Studierenden und auch in einem aktuellen Projekt “Design for Wellbeing” ihren Beitrag leisten. Ich hoffe, dass sich dadurch künftig mehr Gestalter mit den zuvor genannten Themen beschäftigen werden. Das Forschungsprojekt hat die Entwicklung eines praxisnahen Gestaltungsprozesses zum Ziel: Dieser soll erlebnisorientiertes Gestalten mit und für Unternehmen der Kreativwirtschaft darlegen und zur Verstetigung neuer kultur- und kreativwirtschaftlicher Wertschöpfungsprozesse in Projekten und Verfahren praxisnah erprobt werden. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf der Verbindung von wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Psychologie sowie der Gestaltung von Wohlbefinden mit einem tragfähigen Geschäftsmodell. Um die Kreativwirtschaft mit ins Projekt zu holen gibt es den Design for Wellbeing Summit 2016. Jeder ist hier herzlich eingeladen, teilzunehmen.

Erleben Sie Matthias Laschke auf der Bühne – beim Future Day 2016.

Posted on 13. April 2016 in Allgemein

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